California Bad Dreaming – Dystopisches Feuer, seine Ursachen und Antworten darauf

Ein Beitrag geisterhafter Aktualität: Dieser Text entstand bereits im November 2018 als Onlinebeitrag des Magazins Baumeister. Es scheint, als wäre die menschliche Zivilisation seitdem keinen Schritt weitergekommen, denn auch dieses Jahr kam es zu gewaltigen Brandkatastrophen in Nordamerika und Europa.

Geschickte Politiker können den Katastrophenfall medienwirksam zu ihrem Vorteil nutzen, wie es Bill Clinton während des Mississippi-Hochwassers 1993 und Gerhard Schröder während der Elbe-Flut 2002 taten. Wahrscheinlich lag ihnen die Hilfe für die betroffenen Menschen auch tatsächlich am Herzen. Der US-amerikanischen Wählerschaft mag man dahingehend eine überraschende Innovationsleistung unterstellen. Sie hat bekanntlich eine Medienfigur zum Präsidenten gemacht, die zudem grandios unterqualifiziert ist für den Job der mächtigsten Person der Welt. Dies äußert sich auf besonders unglückliche Weise im Krisenmanagement, wie man immer wieder beobachten konnte.

Pacific Palisades, Kalifornien, im Januar 2026 nach dem Palisades Fire. Von zerstörten Häusern freigeräumte Grundstücke wechseln sich mit vereinzelten Baustellen und vom Feuer verschonten Bauten ab. Foto: Josh Edelson

Katastrophale Waldbrände in Kalifornien führen alle Jahre wieder zur Zerstörung von Häusern, zur Evakuierung von Anwohnern und zu Todesopfern. Die Antwort des Präsidenten im Jahr 2018 war zunächst nicht, wie durch das National Response Framework gesetzlich vorgegeben, die Erklärung eines Notstandes und damit verbunden die Freischaltung von Hilfsgütern. Nein, stattdessen warf er den Verantwortlichen in Kalifornien Fehler vor und lud zum Ortstermin sogar nach: eine wirksame Krisenvorsorge solle darin bestehen, die Wälder “sauber” zu halten. Mit dem Gartenrechen. So habe es angeblich auch der finnische Ministerpräsident seinem amerikanischen Gegenüber bestätigt, was jedoch zahlreiche Dementis und Internet-Spottbilder zur Folge hatte. Zudem brüskierte POTUS beim Ortsbesuch die Betroffenen (er machte aus dem Ortsnamen “Paradise” kurzerhand “Pleasure”, ist für ihn vielleicht auch einfach dasselbe), die Behörden vor Ort (die Forstwirte selbst hätten das Feuer erst möglich gemacht) sowie den Gouverneur (der Klimawandel sei bekanntlich Unfug). Als Hintergrund dieser Trumpschen Deutung der Wirklichkeit mag man die Absicht zur Privatisierung der staatlichen Waldgebiete Kaliforniens vermuten – und damit verbunden, die Aussicht auf lukrative, wenn auch höchst riskante Immobilienentwicklung.

Moderne Gesellschaften machen es ohnehin erst durch institutionelle Rahmenbedingungen wie Katastrophenschutz oder privatwirtschaftliche Mechanismen wie Versicherungen möglich, dass die “Wilderness” so massiv besiedelt werden kann. Im globalen Süden sind es zumeist arme oder marginalisierte Menschen, die katastrophale Schadensfälle kaum alleine bewältigen können. In entwickelten Industrienationen gilt dies paradoxerweise auch für Betroffene mit Zugang zu Ressourcen, wenn das Katastrophenmanagement nicht funktioniert oder wenn Versicherungen Schäden anders bewerten als die Geschädigten. Doch es fällt schwer, menschliche Interventionen in die Umwelt als “Wurzel des Übels” zu betrachten. Daher stellt sich die Frage, warum es in Kalifornien immer wieder zur Katastrophe kommt und was in Zukunft getan werden muss, um solche Brände in Siedlungsgebieten schneller einzudämmen oder gar ganz zu vermeiden.

Ein bereits im Mai dieses Jahres an den kalifornischen Gouverneur gerichteter, vom California Chaparral Institute mit weiteren NGOs verfasster Bericht weist auf die Ursachen hin. Es liegt demnach weniger an den Wäldern, wenn Menschen durch Brände gefährdet werden. Glut und Asche werden vielmehr durch starken Wind in Richtung teils offener, teils besiedelter Bereiche getragen, wo in Folge weitere Brände entfacht werden. Somit ist es die Umgestaltung von indigenen Naturräumen durch planerische Eingriffe und die großflächige Bebauung mit brennbaren Materialien, die zu den kalifornischen Brandkatastrophen beitragen. Nun wird ausgerechnet der unverstellte Vorgartenrasen zum Problem; den haben die Amerikaner gern, insbesondere zur Wertsteigerung ihrer “Frontage”, der verkaufsträchtigen Vorderansicht eines Einfamilienhauses. Fatal ist auch eine Fassade oder eine Dacheindeckung aus brennbarem Material. Ein Blickwechsel ist vonnöten: Statt den Wald zu “kontrollieren”, um Brände zu vermeiden, die doch nicht vermieden werden können, soll zuerst die Sicherheit der Häuser und ihrer Bewohner gewährleistet werden.

Der Bericht schlägt daher konkrete Maßnahmen vor, um zu verhindern, dass Glut und glimmende Asche durch Winde in Richtung brennbarer Bauten geweht werden und dadurch zur Ausbreitung von Waldbränden führen. Es gilt, Häuser nachzurüsten und an die bestehenden Umweltrisiken anzupassen. Als technische Lösungen eignen sich Sprinkler im Außenbereich (wie sie in Australien und Kanada bereits eingesetzt werden) und glutabweisende Lüftungsöffnungen und Lüftungsklappen. Hölzerne Dachkonstruktionen sowie brennbare Dachdeckung und Fassadenverkleidung sollen durch feuerwiderstandsfähiges Material ersetzt werden. Schließlich ist es notwendig, brennbare Vegetation in einem Umkreis von 30 Metern um Wohnhäuser herum zu überwachen. Diese Lösungen sollen in lokalen Bauordnungen verankert und durch Bundesmittel gefördert werden. Die ersten Maßnahmen zeigen bereits Wirkung. Die Stadt Monrovia hat durch den Rückkauf von Grundstücken mit hohem Brandrisiko einen Puffer errichtet, der die Gefahr umherfliegender Asche und Glut vermindert. In der Ortschaft Big Bear Lake wurden erfolgreich Bundesgelder zur Förderung widerstandsfähiger Bauweisen angeworben, und die Verantwortlichen halfen den Nachbargemeinden bei deren Antragstellung.

Am Schluss des Berichts wird bekräftigt, dass der Klimawandel in Kalifornien sich nachteilig auf den Erhalt der indigenen Naturlandschaft auswirken wird. Dies betrifft den Chaparral, einen Vegetationstypus mit dichtem Bewuchs an Hartlaubgehölzen, die mit ihrer dicken Rinde besonders an die periodischen Waldbrände Kaliforniens angepasst sind. So erscheint es geradezu als bösartige Ironie, wenn das Weiße Haus einen tausendseitigen Bericht zum Klimawandel am Thanksgiving-Feiertag an der US-amerikanischen Gesellschaft “vorbeimogelt” – einen Bericht, der die Auswirkungen des Klimawandels auf Umweltrisiken klar und dramatisch ausdrückt. Wenn sich das Klima weiterhin auf die beobachtete Weise verändert, bedeutet dies auch eine Zunahme der Häufigkeit und der Schwere von Waldbränden. Der momentane Anführer der angeschlagenen freien Welt nutzte umgehend seinen modernen Kommunikationskanal, um die reale Brisanz des Berichts postfaktisch zu revidieren.

Man darf sich aber nicht täuschen lassen. Wir Menschen urbanisieren den Planeten immer mehr. Dadurch steigt auch das Katastrophenrisiko. Um nicht ganz ins Dystopische abzugleiten – die Verantwortlichen vor Ort haben begriffen, dass der Zusammenhang zwischen Landschaft und Besiedlung essentiell für eine wirksame Vorsorge ist, ebenso wie die Kommunikation und Koordination über die Ortsgrenzen hinaus. Man darf also hoffen, dass hier der Schlüssel zur Anpassung an sich verändernde Umweltbedingungen liegt. Der zweifellos langwierige Wiederaufbau darf aber nicht in überkommene Muster verfallen. Für Kalifornien bedeutet das, sich zu überlegen, wie die Schnittstelle zwischen dem indigenen Chaparral und den urbanisierten Siedlungsbereichen aussehen kann und welche baulichen Strukturen hier das Leben der Menschen nachhaltig sichern können. Somit ist ganz klar landschaftsarchitektonisches, städtebauliches und architektonisches Geschick gefordert.

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