Ein Vordach vor dem Höhleneingang
Über die Beziehung zwischen Habitat und Architektur in der Science-Fiction:
Habitate im All, insbesondere künstliche Lebenswelten in ausgehöhlten Asteroiden sind bekannte Schauplätze der Science-Fiction. Doch nicht nur. Die Wissenschaft befasst sich auch mit ihnen. So kommt ein aktueller Artikel zum Schluss, dass Asteroiden mit einem Umfang von wenigen hundert Metern unter Umständen zu Habitaten aus- bzw. umgebaut werden können. Dabei stellt sich die Frage, wie bei diesen Konstruktionen das Verhältnis von Umwelt zu Bauwerk beschaffen ist. Was sind sie eigentlich, und was bedeutet das für das Leben im Habitat? Ausgangspunkt ist ein architekturtheoretischer Blick auf das Thema, um anschließend ausgewählte Beispiele der Science-Fiction genauer unter die Lupe zu nehmen und entsprechend einzuordnen. Zu diesen Beispielen gehören der Mond Kaitains in Edmond Hamiltons Captain Future-Saga (»Im Zeitstrom verschollen«), der Geheimsatellit Troja aus der PERRY RHODAN-Serie, die »Rocks« bei Iain M. Banks sowie die Asteroiden- Terrarien bei Kim Stanley Robinson (»2312«).
Habitate als Bauwerk
Eine zentrale – manche würden sagen, die wichtigste – Aufgabe der Architektur besteht darin, Räume zu erschaffen, die ihre Bewohner vor ungewünschten klimatischen oder anderen Umwelteinflüssen schützen. Solche Räume können nicht nur vor Wind und Wetter Schutz bieten, sondern auch vor Konflikten, bewaffneten Angriffen und Kriegen. Zumindest war dies bis zur Erfindung der Artillerie der Fall, als Städte in Zentraleuropa noch von schützenden Mauern umringt waren. Diese Schutzmaßnahmen sind nie absolut, es gibt stets eine Beziehung zwischen Innen und Außen, zwischen dem Innenraum eines Bauwerks und seiner umgebenden Umwelt. Je nach Kultur ist diese Beziehung unterschiedlich ausgeprägt. Man verbringt mehr oder weniger Zeit im Stadtraum, Fassaden weisen Zeichen auf, die Menschen erkennen, lesen und verstehen können. Um als Architekten tätig zu werden, mussten unsere Höhlenmenschenvorfahren jedoch erst ihre Höhlen verlassen.
Buckminster Fuller, Kuppelbau für die Montreal Expo 67
Dementsprechend geht der theoretische Gründungsmythos der Architektur von einer »Urhütte« aus, die den Anbeginn der Disziplin markiert. [1] Die ersten Architekten errichteten demnach aus Hölzern und Ästen ebendiese Urhütte als handwerkliche Meisterleistung. Die Höhle steht jedoch seit Platon diskursiv eher schlecht da. [2] Wie das Höhlengleichnis besagt, wissen die Höhlenbewohner nur wenig von ihrer Umwelt. Alles spielt sich als Licht- und Schattenspiel auf der Höhlenwand ab, die Struktur der Welt wird verschleiert. Die Architektur hingegen lässt den Blick auf die Umwelt zu, um in einem rationalen Universum die Charakteristiken ihrer Gestalt zu begründen. Kurz gesagt, während die Höhle von der Umwelt nicht zu trennen ist, bildet die Architektur zunächst einen Gegenpol zur Umwelt, die ihre beiderseitige Wahrnehmung ermöglicht.
Diese rationale Grundlage leitet auch den Entwurf oder das Design von Bauwerken und städtischen Anlagen mindestens seit der Aufklärung. Mitunter aus diesem Grund sehen viele spekulative Entwürfe für Lebensräume auf dem Mond oder dem Mars, die seit dem Aufstieg der kommerziellen Raumfahrt vermehrtes mediales Interesse finden, wie zeitgenössische CAD-Architekturen auf der Erde aus. [3] Oder, Verzeihung, stellen Rückgriffe auf den utopischen Fundus der Architektur dar, etwa aus der Feder von Lichtgestalten wie Buckminster Fuller. [4] Insbesondere gilt dies für Kuppelbauten. Damit ist jedoch nicht die Frage beantwortet, wie zum einen mit kosmischer Strahlung umgegangen wird oder zum anderen mit der geringeren Schwerkraft im Vergleich zur Erde. [5] Dabei wäre die Lösung für das erste Problem so einfach: Man nutzt das Gestein des jeweiligen Himmelskörpers, um die Bewohner von Stationen oder ähnlichen Bauwerken zu schützen. Etwa, indem man sie einbuddelt. Dann sieht man aber die Designmeisterleistungen nicht mehr, sie sind verborgen und die erhoffte mediale Wirkung, das visuelle Spektakel ist dahin. In einer sensationellen Umkehr des Fortschrittsgedankens könnten wir im Weltall in die Höhle zurückkehren.
Gerard K. O’Neill: zylinderförmige Weltraumkolonie
Eine Lösung für das zweite Problem, das der verminderten Schwerkraft, bietet die Rotation von Himmelskörpern. Durch diesen »Spin« kann in ihrem ausgehöhlten Inneren eine Scheingravitation durch Fliehkraft erzeugt werden. Das ist jedoch weder einfach, noch ist sichergestellt, ob Himmelskörper die erforderliche Rotation überhaupt überstehen können. Ein aktueller Artikel [6] dreht sich um die Frage, wie man Asteroiden zu Habitaten umbauen kann. Vor allem, wenn die Asteroiden eigentlich große Steinhaufen sind, die nur durch ihre Eigengravitation überhaupt zusammengehalten werden. In dem Artikel wird dargestellt, dass ein ellipsoid geformter, steiniger Asteroid mit wenigen hundert Metern Durchmesser auseinanderbricht, wenn er in Rotation versetzt wird, um in einem Hohlraum, oder besser gesagt, entlang dessen Innenflächen eine Schwerkraft wie auf der Erde zu erzeugen. Das Risiko besteht, dass der Asteroid sich in davonfliegendes Geröll auflöst. Die vorgeschlagene Lösung besteht darin, eine schützende Struktur zu bauen, die steinige Komponenten des Asteroiden umhüllt und so davon abhält, buchstäblich zu entgleiten.
Ein Habitat, das aus gegenwärtig verfügbaren Materialien gebaut wird, kann in seiner Hüllenstruktur das Gestein eines 500 Meter durchmessenden Asteroiden nutzen, um einen umlaufenden Gesteinsmantel zu formen. Eine Rotation, die im Inneren des Mantels eine Schwerkraft von 1g erzeugt, bewirkt in der Hüllenstruktur eine Belastung von 130 Megapascal. Ein wichtiger Grund, solche Konstruktionen zu wählen liegt darin, dass man – im Gegensatz zu Habitaten, deren Vorbild die O‘Neill-Modelle der 1970er sind – nicht alle erforderlichen Bestandteile auf der Erde bauen und in den Orbit schießen muss. Das bedeutet, dass ein röhrenförmiges Habitat in einem Steinasteroiden, der in Rotation versetzt wird, nicht grundsätzlich unmöglich ist. Die Vorteile sind die simulierte Schwerkraft sowie der Schutz vor Strahlung durch den Gesteinsmantel. Aber: solange ungebaut, bleiben solche Habitate Science-Fiction. Wir müssen also in der Literatur nach Hinweisen suchen, wie sie das Verhältnis von Umwelt zu Architektur kennzeichnen und wie darin gelebt wird. Wie haben sich Science- Fiction-Autoren steinerne Habitate im All vorgestellt?
Edmond Hamilton, »Captain Future – Im Zeitstrom Verschollen« (Golkonda)
Der Mond Kaitains in Edmond Hamiltons Captain Future-Saga
Bereits in der goldenen Ära der SF tauchen Himmelskörper auf, die zu Orten des menschlichen Lebens umgebaut werden. Im Captain Future-Roman »Im Zeitstrom verschollen«, 1941 unter dem Originaltitel »The Lost World of Time« erschienen, ist es der Mond des ehemaligen fünften Planeten unseres Sonnensystems, der in ein riesiges steinernes Raumschiff verwandelt wird. [7] Kaitain, so der Name des Planeten, steht kurz vor seiner Vernichtung, ausgelöst durch die kosmischen Gezeitenkräfte des Gasriesen Jupiter. Captain Future reist mit seiner Future-Mannschaft in seinem Raumschiff Komet einhundert Millionen Jahre in die Vergangenheit, um den Kaitainiern zu helfen. Yugra, der Mond Kaitains, hat einen Durchmesser von »ein paar Tausend« Kilometern. Die Bewohner Kaitains sollen im Tiefschlaf die lange Reise des Mondes aus dem heimatlichen Sonnensystem zum Stern Sirius überdauern. Die Einrichtungen zur Unterbringung der Tiefschläfer sind zum Teil unterirdisch und werden durch einen Raumhafen auf der Mondoberfläche erschlossen. Übersicht bietet ein Kontrollturm, der auf »massiven Metallstelzen« errichtet wurde. Die Flucht gelingt und die Kaitainier, deren Vorfahren ursprünglich vom Deneb stammen, reisen in eine neue Heimat. Kaitain jedoch zerbricht, seine Überreste bilden – unter anderem – den heutigen Asteroidengürtel. In der beliebten Anime-Fassung der Abenteuer der Futuremen aus den späten 1970ern werden die Katastrophe Kaitains und die Flucht im (!) Mond eindrucksvoll in Szene gesetzt.
Der Geheimsatellit Troja aus der Perry Rhodan-Serie
In der Perry Rhodan-Serie gibt es ein Beispiel, das bereits mehrfach in der Serienhistorie aufgetaucht ist. Die Rede ist vom »Geheimsatelliten Troja«, der Keimzelle des späteren »Trojanischen Imperiums.« [8] Der Asteroid erscheint bereits in Heft 231 »Das System der Verlorenen« von Kurt Mahr als »Kalif von Bagdad«. Zum Geheimsatelliten wird er im Heft Nr. 233, verfasst vom damaligen Exposé-Autor K.H. Scheer. Beide im Jahr 1966 erstmals erschienenen Romane gehören zum beliebten Zyklus um die »Meister der Insel«. Grob würfelförmig und mit einer Kantenlänge von knapp 40 Kilometern wird aus dem kosmischen Gesteinsbrocken eine Basis der Terraner im Bereich der Andromeda-Galaxis. Troja ist ein Überrest eines zerstörten Planeten und auf der Oberfläche befinden sich noch Ruinen von Bauten der vormaligen Bewohner. Dazu gehören Teile einer Brücke, die von den Terranern umgebaut als getarntes Navigationsinstrument dient. Der Asteroid wurde ausgehöhlt, um technische Infrastruktur und fünf Superschlachtschiffe der Solaren Flotte bzw. der United Stars Organization unterzubringen, jedes 1500 Meter durchmessend. Bei abgeschalteter künstlicher Schwerkraft dienten Magnethaftsohlen dazu, dass Besatzungsmitglieder im Inneren nicht davonschweben.
K.H. Scheer, »Geheimsatellit Troja« (Perry Rhodan Nr. 233, Pabel Moewig)
Scheer belässt es dabei nicht, die Handlung des Romans ist ein abenteuerlicher Mix aus der Sage um das Trojanische Pferd und Herman Melvilles »Moby Dick«. Eines der planetengroßen Lebewesen des Perryversums, die als »Mobys« bezeichnet werden, verschluckt den Geheimsatelliten. Viel später, im kürzlich abgeschlossenen »Chaotarchen«-Zyklus, kehrt Troja zurück. Uwe Anton berichtet in Band 3106 »Das Trojanische Imperium« von der Odyssee des ausgehöhlten Himmelskörpers, der zur Keimzelle eines neuen Staats der Menschheit im All wird. Der Satellit ist nun nicht mehr hermetisch abgeschlossen, es gibt Verbindungen nach außen. Von transparenten Kuppeln überspannte Städte auf der Oberfläche und Brücken als Verbindungen zu weiteren besiedelten Himmelskörpern zeichnen ein Bild einer Zivilisation, die sowohl in den Hohlräumen als auch auf den Oberflächen von Asteroiden ein Zuhause gefunden hat. Zu den Eigenschaften dieser Umwelt gehört auch, dass Übergänge zwischen offensichtlich künstlichen urbanen Räumen und natürlich erscheinenden Grünbereichen wie radikale Schnitte wirken, starke Kontraste bilden.
Die »Rocks« bei Iain M. Banks
Die »Culture« ist der Hintergrund für die bekanntesten und beliebtesten Science- Fiction-Romane des schottischen Autoren Iain M. Banks. Diese in unserer Galaxis beheimatete Superzivilisation umfasst 30 Trillionen menschenähnliche Lebensformen, ebenso wie Roboter und KI, oder wie sie in den Büchern genannt werden, Drohnen und Minds. Insbesondere die letzteren sind es, die in gewisser Weise die Culture lenken. Dabei ist diese Gesellschaft im Prinzip anarchisch und hat Konzepte wie »Arbeit«, »Geld« oder »planetengebundenes Leben« überwunden. Die wesentlichen Lebensräume der Culture sind nämlich große Raumschiffe, »Orbitals« genannte künstliche Welten und »Rocks«. [9] Letztere sind Habitate, die aus oder vielmehr in Asteroiden errichtet wurden. Sie gelten als älteste Lebensräume der Culture. Banks formuliert hierzu eine sozial-räumliche Theorie für die Besiedlung des Weltraums abseits von Planeten.
Iain M. Banks, »Excession« (Orbit)
Die Fragilität der Habitate und ihrer lebenserhaltenden Räume bedingt eine grundsätzliche Abkehr von hegemonialen Konflikten, die das Leben auf Planeten plagen. Dennoch sind kosmische Konflikte nicht undenkbar und stellen immer wieder das Startsignal für Culture-Geschichten dar. Im Roman »Excession« sind es sogar verschiedene Gruppen von Minds, die gegeneinander intrigieren, als ein Objekt von außerhalb unseres Universums auftaucht und Begehrlichkeiten weckt. [10] Ulver Seich ist eine Bewohnerin des Habitats »Phage Rock« und wird in die Intrige hineingezogen. Die Leser erhalten einen Blick auf das Habitat, das mehrere Zylinder von fünf Kilometern Durchmesser umfasst, die Tuben gleich im Inneren des Himmelskörpers unabhängig voneinander in Rotation versetzt wurden. Interior Space One ist der zentrale Zylinder und besitzt die größte Längenausdehnung. Entlang seiner Innenfläche sind Zikkurate und Türme errichtet, die von Menschen und Drohnen bewohnt werden und einen Ausblick auf eine gekrümmte Landschaft mit Feldern und bewaldeten Hügeln bieten. Eine Infrastruktur aus Röhrenbahnen verbindet verschiedene Orte der Interior Spaces miteinander. Als Ulver Seich Phage Rock verlässt, überlappen sich in ihrer Erinnerung verschiedene Bilder:
»Sie erinnerte sich an eine Szene aus ihrer Kindheit. Sie war noch ein kleines Mädchen und stand in einem der Innenräume auf einer Brücke, die eine Schlucht überquerte. Sie hielt einen Stein in der Hand. Dann ließ sie ihn fallen. So, wie der Stein in das dunkle Gewässer unter ihr fiel, immer kleiner und kleiner wurde, so schien ihr in diesem Moment Phage Rock, wie es stumm hinter dem alten Kriegsschiff zurückfiel.« [11]
Die Asteroiden-Terrarien bei Kim Stanley Robinson
In seinem Roman »2312« bietet Kim Stanley Robinson, Großmeister der ökologischen SF, den Lesern eine regelrechte Bauanleitung für Habitate in Asteroiden. [12] Der kulturelle Hintergrund dafür ist die »Balkanisierung« des Sonnensystems im frühen 24. Jahrhundert. Die Erde ist ökologisch kaputt, der Mars besiedelt, die Monde der Gasriesen terrageformt. Wirtschaftlichen Konflikten und der Zerstörung der irdischen Biosphäre folgte eine Diaspora in den Weltraum und die Bildung neuer Biosphären. Zahllose Terrarien, wie die Habitate bei Robinson heißen, wurden aus und in Asteroiden hineingebaut. Vorbild der – buchstäblichen – Raumentwicklung dieser zukünftigen Menschheit ist ein System der genossenschaftlichen Organisation und Kooperation. Sie findet im Rahmen gemeinsamer Netzwerkbildung statt, zwischen selbstversorgenden Siedlungen, Enklaven und Stadtstaaten, die aus Forschungsstationen hervorgegangen sind.
Kim Stanley Robinson, »2312« (Heyne)
»Man nehme einen Asteroiden mit einem Durchmesser von mindestens dreißig Kilometern auf der Längsachse. Welche Sorte ist egal – massiver Fels, Fels und Eis, metallisch, sogar ein reiner Schneeball, obwohl jede Sorte ihre eigenen Probleme mit sich bringt. Man befestige eine selbst replizierende Abbaumaschinerie an einem Ende des Asteroiden, die ihn entlang der Längsachse aushöhlt. Mit Ausnahme des Eintrittslochs lässt man dabei zu allen Seiten zwei Kilometer Wand stehen. Die Stabilität der Wände gewährleistet man, indem man sie mit einer Innenhaut aus einem hinreichend belastbaren Material überzieht.« [13]
Laut Robinson ist die Auswahl an Materialien groß, die zum Bau eines Terrariums genutzt werden können. Dementsprechend sind komplett aus Wassereis bestehende Habitate denkbar. Die Aushöhlung erzeugt einen zylindrischen Hohlraum, im Idealfall mindestens fünf Kilometer durchmessend und zehn Kilometer lang. Die Abbaumaschine kehrt zur Eintrittsöffnung zurück und wird zum Antrieb, der den Satelliten in Rotation versetzt. In den Hohlraum wird entlang der Mittelachse ein Beleuchtungssystem eingeführt. Die »Sonnenstreifen« können je nach Programmierung unterschiedliche Tag-Nacht-Phasen erzeugen.
Die Praxis des Terrariumbaus wird als ein historisch neuartiger kultureller Prozess verstanden. Die Terrarien werden nicht nur von Menschen bewohnt, sondern von präzise ausbalancierten Biomen, die sich nach irdischen Vorbildern orientieren. Experimentellere Zusammenstellungen von Fauna, Flora und Umweltbedingungen bergen das Risiko des Scheiterns. Da die Terrarien mitunter dem Überleben der Ökosysteme der Erde dienen, entwickelt sich daraus auch die Schlüsselszene des Romans, als es buchstäblich Tiere vom Himmel auf die Erde »regnet«, um die geschundene Umwelt wiederzubeleben.
Die Terrarien stehen indes nicht still. Sie kreisen in verschiedenen Orbits um die Sonne. Damit stellen sie gleichzeitig Umwelt als auch Verkehrsmittel dar: Wie tausende Kieselsteine schwirren sie um die Sonne, von Raumschiffen angeflogen, die ein Stück der Reise mitmachen. Von den Planeten gelangt man über Orbitalaufzüge ins All, um von dort mit Raumschiffen zu Terrarien zu fliegen und mit ihnen die Reise tiefer ins All zu unternehmen. Die Terrarien als einzelne, bewegliche Stationen stellen temporäre Anlaufstellen für Raumschiffe dar, die sich in Huckepack-Manier andocken. Am nächstgeeigneten Punkt steigt man wieder in ein Raumschiff um und landet auf einem der Planeten oder terrageformten Monde. Das Leben im All wird somit zu einer kontinuierlichen Reise, die das Leben auf Planeten durch seine Dynamik und Vielfalt in den Schatten stellt.
Die Terrarien bilden, jede für sich, unzählige Umwelten. Die orbitale Mobilität der Terrarien erlaubt, sie als Transportinfrastruktur für den Verkehr im Sonnensystem zu nutzen. Diese multimodale Transportmöglichkeit besitzt keine irdische Entsprechung. Es sei denn, Menschen würden über mehrere Generationen Schiffe, Flugzeuge oder Zeppeline bewohnen und dann und wann aus- oder wieder einsteigen. Bestenfalls kann man die Terrarien mit beweglichen Bahnhöfen entlang eines weltumspannenden Schienennetzes vergleichen. Oder mit sehr großen Schiffen, die ständig die Weltmeere durchqueren, nie im Hafen andocken, dafür von kleineren Schiffen frequentiert werden. Eine Umweltutopie, die schließlich zur Erde zurückkehrt, als aus den Terrarien eine neue Tierwelt der Erdoberfläche entgegen schwebt.
Fazit
Die Empfindsamkeit für Themen, die Umwelt und Politik betreffen, nimmt in den Beispielen zeitgeschichtlich zu. Sie detaillieren zunehmend, wie man die Habitate als gebaute Umwelt im Verhältnis zur Architektur verstehen kann. Dementsprechend konturieren sie verschiedene menschliche Kulturen. Zuerst sind steinerne Habitate ein Transportsystem, um eine Planetenbevölkerung zu retten. Dann dienen sie der Täuschung kosmischer Gegner, stellen die Lebenswelt ganzer Kulturen dar und verschmelzen Infrastruktur und Lebenswelt, um die Erde selbst zu retten. Als kosmische Höhlen und technisch umgestaltete Gesteinsbrocken unter- und überschreiten sie gleichermaßen die Grenzen der Disziplin der Architektur. Während sie dazu dienen, ihre planetengebundenen Bewohner vor Umwelteinwirkungen zu schützen, stellen Habitate eigenständige Umwelten dar – in gestalteter, kontrollierter Form.
Es sind diese künstlichen Umwelten, die sich zunehmend vom Leben auf Planeten emanzipieren. Die Architektur ist nach wie vor Teil dieser Umwelten, von ihnen abhängig. Hierzu werden Licht und Gravitation künstlich hergestellt, mal mit Mitteln der Science-Fiction und mal mit Bezug darauf, was gegenwärtig möglich sein könnte. Als Folge verwischen die Grenzen zwischen System und Umwelt, zwischen Raumschiff und Habitat, zwischen Architektur und kosmischer Höhle. Das Ergebnis ist eine vielfältige, dynamische Welt, auf der wir reisen und die mit uns reist. Das erinnert nicht von ungefähr an Buckminster Fullers Vision eines »Raumschiffs Erde«. Für die Urhütte bedeutet das, dass man sie nicht bedingungslos von der Höhle losgelöst betrachten sollte. Eventuell ist ihre Genese eher im Vordach vor dem Höhleneingang zu suchen, bevor sie abseits der Heimstatt der Troglodyten Eigenständigkeit gewann.
Referenzen
[1] Kruft, Hanno Walter (1995): Geschichte der Architekturtheorie. München, C.H. Beck, S. 57.
[2] Gershberg, Zac und Illing, Sean (2022): The Paradox of Democracy. Free Speech, Open Media and Perilous Persuasion. University of Chicago Press, S. 33.
[3] vgl. Cano, Paula (2022): How is Architecture Supporting the Exploration of the Moon and Mars? In: Archdaily, 08. Dezember https://www. archdaily.com/993439/how-is-architecture-supporting- exploration-of-the-moon-and-mars/
[4] Kruft (1995): S. 509.
[5] vgl. Chen, Muhao et al. (2020): Design and analysis of a growable artificial gravity space habitat. In: Aerospace Science and Technology 106, 106147.
[6] Miklavcic, Peter et al. (2022) Habitat Bennu: Design Concepts for Spinning Habitats Constructed From Rubble Pile Near- Earth Asteroids. In: Frontiers in Astronomy and Space Sciences, 8, 645363.
[7] vgl. Edmond Hamilton (2020): Captin Future 8 – Im Zeitstrom Verschollen. Golkonda Verlag.
[8] vgl. Mahr, Kurt (1987): Perry Rhodan 231 – Das System der Verlorenen. 5. Auflage (Erstausgabe 1966). Pabel-Moewig; Scheer, K.H. (1987): Perry Rhodan 233 – Geheimsatellit Troja. 5. Auflage (Erstausgabe 1966). Pabel Moewig; Anton, Uwe (2021): Perry Rhodan 3106 – Das Trojanische Imperium. Pabel-Moewig.
[9] Banks, Iain M. (1994): A few Notes on the Culture. http://www.vavatch.co.uk/books/ banks/cultnote.htm
[10] Banks, Iain M. (2003): Excession. Neuauflage, Erstausgabe 1996. Orbit Books.
[11] Banks (2003): S. 179f., Übersetzung des Verfassers.
[12] Robinson, Kim Stanley (2013): 2312. Heyne.
[13] Robinson (2013): S. 45.
Abbildungen
https://mcachicago.org/exhibitions/2009/buckminster-fuller-starting-with-the-universe
https://en.wikipedia.org/wiki/O%27Neill_cylinder
https://golkonda-verlag.com/buecher/captain-future-08-im-zeitstrom-verschollen/
https://www.perrypedia.de/wiki/Geheimsatellit_Troja_%28Roman%29
https://en.wikipedia.org/wiki/Excession
https://www.penguin.de/buecher/kim-stanley-robinson-2312/paperback/9783453314351
Anmerkung: Eine redaktionell bearbeitete Fassung dieses Essays erschien in Ausgabe 281 der Andromeda-Nachrichten (Science Fiction Club Deutschland e.V., 2023)






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