Im postfaktischen Bauhaus: Musikverbot für Fischfilets

Über die Kommunikation des Politischen im Gebauten und Ungebauten: Die Diskussion um den Song “Keine Angst” von Danger Dan und Igor Levit ist eigentlich keine. Das ZDF hätte den Song zeigen und im Anschluss kommentieren können. In jedem Dorfkino wurde in den 90ern versucht, Christoph Schlingensiefs “Terror 2000” zu diskutieren. Aber der Versuch zählt, denn er drückt zumindest eine pädagogische Intention aus. Die aktuelle Situation erinnert mich stark an 2018, als Feine Sahne Fischfilet aus dem Bauhaus Dessau ausgeladen wurden. Dass die damals verantwortlichen politischen Akteure am rechten Rand nach den anstehenden Landtagswahlen den Bildungsauftrag öffentlich-rechtlicher Institutionen in ihrem Sinn opportun verzerren werden, ist eine reale Gefahr. Darum, zur Erinnerung, im Folgenden meinen Text, der im Jahr 2019 im Architekturmagazin Baumeister veröffentlicht wurde. Ergänzt habe ich ihn um die dazugehörige Fiktion, die auf der Onlineplattform des Magazins erschien.

Pünktlich zum Bauhaus-Jubiläum kam es zum Eklat mit Ansage, angefangen mit dem geplanten Auftritt einer Band mit linkspolitischer Haltung. Die Stiftung Bauhaus Dessau sagte nach Protesten von rechts den Auftritt ab. Das Bauhaus solle von jeher und auf einmal ein unpolitischer Ort gewesen sein. Wo liegt nun die Wahrheit? Eine Spurensuche.

Neulich in Deutschland, wir erinnern uns. Ein öffentlich-rechtlicher Fernsehkanal nutzte Räume des weltweit bekannten und zur Architekturikone gewordenen Bauhausgebäudes in Dessau für die Übertragung von Musikveranstaltungen. Als ein Konzert der Band “Feine Sahne Fischfilet” anstand, verlangte die Leitung der Stiftung Bauhaus Dessau, das Konzert abzusagen. Der Grund wurde irritierend kommuniziert und noch irritierender begründet. Die Bedrohung durch Agitatoren von rechts war durchaus real. Die Sorge davor schien zunächst die Ursache zu sein, die das Konzert zum Platzen gebracht hat. Dann wurde nachgeladen. Man wolle “politischen Extremisten” keine Plattform bieten. Der ausgeladenen Band mit ihrer linkspolitischen Gesinnung wurde nämlich ein extremistischer Charakter unterstellt. Und dann die Zuspitzung: Das Konzert solle nicht stattfinden, weil das Bauhaus von jeher ein unpolitischer Ort gewesen sei. Letztere Darstellung wurde zugegebenermaßen von der Stiftung Bauhaus Dessau im Nachgang bedauert. Aber was kommt danach, “Business as usual”, und ab ins Bauhaus-Jubiläumsjahr?

Brauhaus statt Bauhaus

Die Entscheidung und ihre Erklärung führten zu einem heftigen, öffentlich geführten Streit. Trotz Gegenwind weigerte sich die Stiftung Bauhaus Dessau, das Konzert in den Räumen des Bauhausgebäudes abzuhalten. Und so spielte die Band kurzerhand vor ausverkauftem Haus – nicht im Bauhaus, sondern im Brauhaus in Dessau. Doch wer steckt eigentlich hinter dieser Band? Feine Sahne Fischfilet sind Jan „Monchi“ Gorkow, Christoph Sell, Jacobus North, Max Bobzin, Kai Irrgang und Olaf Ney. Sie spielen Abgehsongs mit Hymnencharakter und politischen Texten, Mucke zum Feiern und mit Herz. Die klassische Punk/Hardcore-Orchestrierung aus Schlagzeug, Bass, Gitarre und Gesang wird durch eine Blechbläsersektion verstärkt. Die Band wird dem linken politischen Spektrum zugeordnet, und die Bandmitglieder sehen sich selbst so.

Mit einer Handvoll Alben auf dem Buckel, mehrheitlich auf dem Audiolith Label, spielen Feine Sahne Fischfilet ausverkaufte Konzerte und engagieren sich bei Aktionen gegen Rechtsextremisten, insbesondere im Osten Deutschlands. Das ruft allergische Reaktionen im entsprechenden Lager hervor, denen sie ein Dorn im Auge sind. Politisch motivierte Konzertabsagen, wütendes Internet-Trolling bis hin zu Bombendrohungen gehören zum Bandalltag. Ob die Band extremistisch ist, steht auf einem anderen Blatt. So wollen sie bestimmte Akteure wahrnehmen. Es wurde behauptet, sie stünden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung entgegen. Der mecklenburg-vorpommersche Verfassungsschutz attestierte der Band sogar eine ausdrücklich antistaatliche Haltung. Starker Tobak! Vielleicht steckt aber hinter diesem doppelten Bild ein Schlüssel zum Verständnis der Situation.

Band: 1, Bauhaus: 0

Wie Jacobus North (Trompete) im Haus der Kulturen der Welt in Berlin auf die Frage zum “politischen Bauhaus” antwortete, verbindet die Band mit Dessau zuallererst den Tod Oury Jallohs im örtlichen Polizeirevier. Das Bauhaus steht für sie, zumindest von seiner Bildwirkung her, in Beziehung zu den ostdeutschen Plattenbauten, etwa in Rostock-Lichtenhagen. Die rassistischen Angriffe dort zählen zu den Schlüsselerlebnissen der Bandmitglieder. Der Rückzug der Polizei während der Angriffe war für sie ein Zeichen, dass auf die verantwortlichen staatlichen Akteure kein Verlass war. Die Normalisierung politisch motivierter Gewalt erlebten sie als unmittelbare Folge. Auch deswegen stellt sich die Band mittels ihrer Musik und ihrer Songtexte rechtsextremistischen Tendenzen entgegen. Daher war sie entsprechend über die Reaktion der Stiftung Bauhaus Dessau enttäuscht. “So blöd können die doch gar nicht sein”, sagt North.

Dahinter steckten das Getobe einer rechtsextremen Facebookgruppe, Proteste von AfD und CDU sowie Druck aus Sachsen-Anhalts Staatskanzlei. Für North ein weiterer Indikator dafür, dass immer ein Stück weiter nach rechts gerückt werde, immer wieder jemand einknicke. War es nun eine Konzertabsage aus Angst, oder aus einem Mangel an Befassung mit dem Erbe der Institution, die man vertritt? Die Absage gründet jedenfalls auf zwei fundamentalen Fehlinterpretationen. Erstens: “Das Bauhaus” ist mehr als ein Ort. Zweitens: “das Bauhaus” ist mehr als unpolitisch. Es sind unterschiedliche Lesarten des Politischen im Zusammenhang mit der “Idee Bauhaus” möglich und nach zwei Dimensionen differenzierbar – einer “inneren Dimension” des Bauhauses als Schule von 1919 bis 1933, ihrer Lehrenden und Studierenden, sowie einer “äußeren Dimension” derer, die im jeweiligen, zeitgeschichtlichen Kontext das Bauhaus wahrnahmen und heute noch wahrnehmen.

Dimensionen des Politischen

Man kann davon ausgehen, dass die Bauhäusler, wenn nicht ausschließlich, Menschen mit politischen Interessen, Haltungen und Positionen waren, und dass diejenigen, die nicht Teil des Bauhauses waren, das Bauhaus, wenn nicht ausschließlich, als politisch wahrgenommen und ihm eine politische Wirkung attestiert haben. Das Bild des Bauhauses ist somit kein eindeutiges. Daher erscheint es auch so unklug, dass ausgerechnet die Stiftung in Dessau sich dazu verleiten ließ, eine eindeutige Interpretation des Bauhauses als Begründung zu liefern für die Entscheidung, einer Band den Auftritt im Haus zu untersagen. Sicherlich ist das Bauhaus politischem Druck von rechts ausgesetzt. Vielleicht ist das “Einknicken” deswegen so fatal, weil es Beobachter wie Betroffene dazu verleitet, die historische Situation der Vergangenheit mit der Gegenwart zu vergleichen. Denselben Fehler wiederholt? Und das, obwohl gar keine “Machtergreifung” seitens der Identitären, Rechten, Faschisten, Nazis und sonstiger, von Volkskörperhygienewahn Besessener stattgefunden hat?

Das Bauhaus scheint viele Dinge zu sein, und die kritische historische Rezeption deutet darauf hin. Ein vielfältiges Bauhaus könnte daher sowohl politisch als auch unpolitisch sein. Es als homogen einzustufen, ist daher ein Trugschluss. Wir sollten daher nicht den gleichen Fehler machen. Denn in uns allen steckt ein bisschen Bauhaus, mal mehr, mal weniger, und damit machen wir uns auch einen Teil seiner Idee zu eigen. Nicht zuletzt deswegen schmerzt es, wenn seine Vertreter Handlungen vollziehen, die wir als Fehlgriff werten. Was bleibt, ist eine unglückliche Schwammigkeit der Lage, die einem Rückzug aus Schwäche gleicht. Vielleicht wurde die Situation schlicht unterschätzt. Der folgende Eklat war jedenfalls der Hauptgewinn auf der Kirmes des diskursiven Tunnelblicks. So durfte die Weltöffentlichkeit im Jubiläumsjahr eine peinliche Posse um ein “Musikverbot” erleben.

Jericho fällt, Julius Schnoor von Carolsfeld (1794–1872)

Absurd und absurder

Eine Gruppe Rechtsextremer bedankte sich in einer Aktion vor dem Bauhausgebäude in postfaktischer Umkehrung der Tatsachen: „Danke, Bauhaus! Linksterroristen keine Bühne bieten!“ Ein “Bauernopfer” war schnell gefunden, und die Sprecherin der Stiftung Bauhaus Dessau trennte sich von selbiger. Es hatte den Anschein, sie wurde gefeuert. Öffentliche Briefe seitens Architekturschaffender und -lehrender folgten und verweigerten sich der Behauptung der Stiftung zum unpolitischen Charakter des Bauhauses. Man wunderte sich über die Haltung der Verantwortlichen. Sie zogen jedenfalls gegenüber der gesellschaftlichen Signifikanz der Band den Kürzeren. Solche Duelle können einfach nicht gut ausgehen. Wir erinnern uns (weit zurück) an Jericho, zu biblischen Zeiten. Eine Blasmusik-Kapelle spielte vor den Mauern der Stadt und brachte sie damit zum Einsturz. Die von den Schwingungen der Musik strukturierte Luft vermochte es damals wohl, Bauwerke zum Bersten zu bringen. Vielleicht sollte sich die Architektur in Zukunft mehr vor der Musik in Acht nehmen.

Postskriptum: Wunschkonzert (eine Fiktion)

Am 06.11.2018 spielte die Band “Feine Sahne Fischfilet” im Bauhausgebäude in Dessau vor einem begeisterten Publikum. Pogen, Stagediven, Konzertluft mit Bierschaum; Punks und Normalos, Studenten und Arbeiter, Leute der Stiftung und aus dem Umkreis feierten zusammen. Ihr Konzert widmete die Band Oury Jalloh. Draußen vor der großen Glasfassade sammelte sich ein rechter Mob, der zuerst völkische Parolen skandierte und dann gegen die Band, das Bauhaus und den Rest der nichtvölkischen Welt hetzte. Das Gebäude wurde von Polizisten flankiert, die sich schützend vor das Bauhaus den Rechten entgegenstellten. Dann flogen die ersten Steine. Ein wahrer Hagel an Wurfgeschossen schlägt in die Fassade ein, Splitter regnen im Zeitlupentempo herab, kristallen in der Sonne irrlichternd, Gropius’ Bau mit einem silbrig strahlenden Halo kränzend. Klirrend löst sich die Glasfassade in kantigscharfe Splitter auf, doch die tektonische Struktur des Baus bleibt standfest. Tränengasgranaten fliegen, alles versinkt im Nebel, berittene Polizei greift ein. Menschen schreien, hauen, stürzen, rennen. Die Welt steht still und sieht, was geschieht, sieht, wie das Bauhaus in Dessau trotz Anfeindungen und Drohungen nicht nachgibt, nicht einknickt, keinen Fußbreit. Die Welt sieht, dass Deutschland ein Problem mit rechter Gewalt hat, die keine Rücksicht vor einem globalen Denkmal nimmt. Die Welt sieht, dass die rechte Gewalt Taliban-gleich die Schätze der Menschheit in Brand stecken, zerschlagen will. Die Welt sieht aber auch, dass die Bewahrer des Denkmals und der Ideen, für die es steht, sich dem rechten Mob widersetzten, von der Gesellschaft und seinen Institutionen unterstützt. Die Rechten fliehen, und die plurale, postmigrantische Gesellschaft setzt ein Zeichen: Gemischte Teams sind eben stärker.

Zitate

Jacobus North: “Zieh dir mal ein “Refugees Welcome” T-Shirt auf einer Baustelle in Mecklenburg-Vorpommern an. Ich glaube, das ist in Berlin OK. Aber eine Baustelle in Vorpommern? Da wirst du vom Gerüst getreten.” Haus der Kulturen der Welt Berlin, 19.01.2019

Sprecherin der Stiftung Bauhaus auf Anfrage von WDR COSMO: “Wir als Bauhaus sind ein bewusst unpolitischer Ort” https://www1.wdr.de/radio/cosmo/magazin/specials/feine-sahne-fischfilet-110.html

Für diese Fassung wurde der ursprüngliche Text leicht angepasst.

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