Klimahaine für Landshut – das komplette Konzeptpapier

Klimahaine für Landshut – ein Konzeptpapier der Landshuter Bauminitiative: Angesichts der wiederkehrenden Debatten um den Klimaschutz und die Klimaanpassung im Herzen Landshuts möchte die Landshuter Bauminitiative (LBI) zu einer Versachlichung beitragen. Das Konzept der Klimahaine, das wir der Stadtverwaltung im Geist der Kooperation vorlegen konnten, zielt ausdrücklich auf die Versöhnung der wesentlichen Planungsziele – den sommerlichen Hitzeschutz und die gleichzeitige Durchführbarkeit bedeutender kultureller Veranstaltungen in der Altstadt. Gemeinsames Planen und Handeln ist der Schlüssel für ein gesundes, sicheres und erfolgreiches Stadtleben.


Klimahaine für Landshut

Landshut aufbäumen! Klimahaine für die „steinerne Stadt“ – Ein Vorschlag der LBI

Konzeptpapier (ausführlich)

Eine Frage wird uns oft gestellt: Warum einen Baum in der steinernen Stadt pflanzen, wenn es in den Hinterhöfen, Parks oder entlang der Isar genug Bäume gibt? 

Die erste Antwort ist einfach: Wenn es in der steinernen Innenstadt keine Bäume gibt, wird es an sonnigen Tagen heiß, bleibt es heiß und wird es noch heißer. Davon betroffen sind insbesondere verwundbare Mitbürger wie Kinder, Senioren und Menschen mit Erkrankungen und Behinderungen. Der Grund für die Zunahme der heißen Tage und die Herausbildung von Hitzeinseln in Städten ist der Klimawandel. Darum ist es ein wesentliches Ziel jeder Stadtplanung, mittels planerischer Anpassung an den schädlichen klimatischen Wandel die Menschen in der Stadt zu schützen. Diese planerische Anpassung befasst sich damit, welche graue, grüne und blaue Methoden (d.h. mittels Technik, Begrünung, Bewässerung) einzeln oder kombiniert in versiegelten Gebieten des gebauten Raums Abhilfe schaffen können. Mit diesen Mitteln kann die Bildung schädlicher und womöglich tödlicher Hitzeinseln in der Stadt verhindert werden.

Die zweite Antwort auf die Eingangsfrage ist ebenso einfach: Die Parks und Hinterhöfe sind nicht immer dort, wo sich die Menschen aufhalten. Das hat auch damit zu tun, dass die moderne Stadtplanung die nutzungsgemischte historische Stadt in leichter planbare Zonen oder Funktionen aufgeteilt hat: Bereiche für das Gewerbe, für das Wohnen, für staatliche Institutionen, für den Verkehr und das Grün, schön sortiert und getrennt. Dieses Prinzip wurde durch ebenso schön sortierte und getrennte Planungsverantwortlichkeiten unterstrichen: Planung für Hochbau, Tiefbau, Verkehrsräume – und Grünräume. Begründet und verstärkt wurde dieses Prinzip durch Planungskonzepte wie die „autogerechte Stadt“. Mittlerweile haben sich jedoch Planung, ihre Prinzipien und Konzepte weiterentwickelt. Grundlegend ist gegenwärtig die „resiliente und nachhaltige Stadt“ als Vorstellung dessen, was Stadtplanung zu leisten hat. Resilienz deutet die Widerstandsfähigkeit der Stadt gegen Krisen und insbesondere Umweltgefahren an. Nachhaltigkeit bezeichnet, dass diese Widerstandsfähigkeit sozial, ökologisch und ökonomisch gerecht und generationenübergreifend umgesetzt werden muss.

Die dritte Antwort auf die Eingangsfrage ist noch einfacher: Weil sich Menschen nicht ständig in Hinterhöfen und Parks aufhalten. Sie müssen, können und sollen sich im „steinernen“ Stadtraum aufhalten können, ohne geschädigt zu werden oder gar an Hitzschlag zu sterben. Man darf daher die Gegenfrage stellen: woher kommen sie, wohin gehen sie, die Menschen? Tatsächlich ist die Länge des Wegs entscheidend. Und hier bieten auch moderne Modelle der Planung eine Antwort. Das Einkaufszentrum oder die Mall als (eingehaustes) Modell des städtischen Wirtschafts- und Konsumraums weist darauf hin, dass die Lauflänge zwischen Ankerpunkten nicht länger als 300 bis 400 Meter sein sollte – also vom Anfangs- bis zum Endpunkt der Mall. Sitzgelegenheiten sollten alle 50 Meter angeboten werden. Oft nehmen diese Sitzgelegenheiten die Gestalt von „Foodcourts“ an, Bereiche mit gebündelten gastronomischen Angeboten. Ähnlich verhält es sich mit dem Konzept der „Last Mile“, das andeutet, welche Lauflänge zumutbar ist, wenn man mit ÖPNV in der Stadt ankommt und noch eine Laufstrecke bewältigen muss. Dabei ist eine Meile, wie das Konzept andeutet, bereits nicht mehr zumutbar. Abgesehen davon, gehen diese Konzepte von einer erwachsenen und gesunden Fußgängerschaft aus. In einer zunehmend divers aufgestellten Stadtgesellschaft ist das jedoch nicht der ausschließliche Fall, nach dem sich Planung messen soll und muss. Eltern mit Kinderwägen, ältere Menschen und Personen, die Gehhilfen benötigen bewältigen in der selben Zeit die Hälfte dessen, was ein gesunder Erwachsener überbrückt.

Diese drei Antworten auf die Eingangsfrage begründen auch unseren Ansatz von der LBI, was ein Konzept für Klimahaine in der steinernen Altstadt und Neustadt Landshuts leisten soll und kann. Grundlage ist der Potentialplan, den die Stadtverwaltung erstellt hat. Der deutet an, in welchen konkreten Lagen Baumpflanzungen möglich sind – unter dem Vorbehalt, ob Untergrund und dessen Belegung mit Infrastruktur dies zulassen. Ebenso möglich ist trotz dieses Vorbehalts dort aber das Aufstellen von mobilen Baumkübeln. Dies hat die LBI bereits in Kooperation mit der Stadtverwaltung an zwei Stellen durchgeführt: in der Kirchgasse und vor der Neustadt 466. Rasen und Moos, Büsche und Sträucher, Bäume – und, ja, v.a. Bäume sind geeignete, nachwachsende, niederschwellige, gesunde, schöne, anregende und finanziell tragbare Mittel, um durch planerische Anpassung an urbane Hitzeinseln die Menschen in der Stadt zu schützen.

Das Konzept der Klimahaine soll dazu dienen, an ausgewählten Orten klimaberuhigte Zonen zu schaffen, die allen Menschen Linderung von urbanen Hitzegefahren bieten. Die Lauflänge zwischen diesen Orten soll begründet in der Spanne zwischen 50 Metern und 300 Metern liegen. Bestätigt wird dies durch die 3-30-300-Regel, die Folgendes besagt: „Jeder sollte 3 Bäume von seiner Wohnung aus sehen können, in jedem Viertel sollte der Baumanteil 30 % betragen [öffentlicher Raum, die Verf.] und bis zur nächsten öffentlichen Grünfläche sollten es höchstens 300 m Wegstrecke sein“ (Pauleit 2024, S. 44, nach Konijnendijk 2023). Da in Innenstädten in unseren Breiten eine geringe Baumdichte vorherrscht (ibid.), wurde für München eine Anpassung dieser Regel vorgenommen. Auf Grundlage einer angepassten Rasterweite von 150 m Maschenweite sollen „kleine Inseln von Grün, die Schatten spenden“ (Pauleit 2024, S. 45, nach Mayer 1989 und Mahl Gebhard Konzepte et al. 2023) Schutz vor urbaner Hitze bieten. Grundlage hierfür ist eine integrative Planung, die alle Akteure und Bedarfe frühzeitig berücksichtigt.

Die LBI möchte mit ihrem Konzept der Klimahaine für die Stadt Landshut mit ihrem historischen Kontext und Maßstab einen entsprechenden und zukunftsfähigen informellen Planungsbeitrag leisten. Als realistisches Maß wird ein Abstand von 100 Metern zwischen Klimahainen vorgeschlagen. Wie die Plandarstellung (s. Anhang) zeigt, ist dies ein ausnehmend realistisches Maß, dass sich mit dem Potentialplan der Stadtverwaltung sehr gut harmonieren und verbinden lässt. Dadurch ist die Bildung eines lokalen Klimahain-Netzwerks möglich. Der Begriff Konzept bedeutet in diesem Sinn auch, dass die Bildung eines „Flickenteppichs“ an einzelnen Maßnahmen vermieden und ein wissensbasiertes „Gesamtwerk“ angepeilt wird. Das Konzept der Klimahaine soll somit auf nachhaltige Weise einen Konsens in der Stadtgesellschaft – Bürger, Wirtschaft, Institutionen, Verwaltung – formulieren helfen. Kooperativ erstellt, gemeinsam verabschiedet und in Zusammenarbeit umgesetzt, kann dieses Konzept Vorbildfunktion haben. Eine attraktive Intervention der LBI, um die Bürgerschaft zu schützen – und schön sind sie auch, die Klimahaine. Im Idealfall leisten sie auch einen Beitrag zur Biodiversität und bieten Lebensräume für bedrohte Pflanzen und Tiere.

Quellen:

Konijnendijk, C. C. (2023): Evidence-based guidelines for greener, healthier, more resilient neighbourhoods: Introducing the 3-30-300 rule. In: Journal of Forestry Research, 34: 821-830. 

Mahl Gebhard Konzepte, Pauleit, S., Hild, A. (2023): Integration von klimaresilienten Grün- und Freiraumstrukturen in die historische Münchner Altstadt. Freiraumplanerisches und denkmalpflegerisches Gutachten für die Landeshauptstadt München. Landeshauptstadt München, Referat für Stadtplanung und Bauordnung (Auftraggeber), München: 95.

Mayer, H. (1989): Workshop „Ideales Stadtklima“ des Fachausschusses Biometeorologie der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft am 26. Oktober 1988 in München. Mitteilungen DMG 3/89: 52-54.

Pauleit, S. (2024): Multifunktionale grün-blaue Infrastruktur für gesunde Städte im Klimawandel. In: Rundgespräche Forum Ökologie, 51: 41-52.

Stadt Landshut, Stadtrat (2025, Hrsg.): Konzeptionelle Machbarkeitsstudie Baumpflanzungen historische Altstadt. Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen (StRinnen Haas, Hagl, Borgmann, StRte Rabl, Gruber, Dr. Keyßner), Stadtratsvorlage Nr. 680 vom 27.05.2025.


Konzeptpapier (Kurzfassung)

Warum sollen Bäume auch im dicht bebauten, „steinernen“ Stadtraum gepflanzt werden? 

Erstens tragen sie dazu bei, die zunehmend heißen Städte zu kühlen. Durch den Klimawandel entstehen urbane Hitzeinseln, die besonders für Kinder, ältere Menschen sowie Kranke gefährlich sein können. Entsprechende Vorschläge gibt es bereits, die Stadtplanung muss sie nur anwenden. Versiegelte Räume können durch technische, grüne und wasserbezogene Lösungen gekühlt werden, um der Bevölkerung Schutz vor Hitze zu bieten.

Zweitens befinden sich Parks und Hinterhöfe oft nicht dort, wo Menschen sich tatsächlich aufhalten. Die moderne Stadtplanung hat Funktionen wie Wohnen, Arbeiten, Verkehr und Grün räumlich getrennt. Dieses Modell – etwa in der „autogerechten Stadt“ – wird heute zunehmend durch das Leitbild der resilienten und nachhaltigen Stadt ersetzt, die widerstandsfähiger gegenüber Krisen ist und soziale, ökologische sowie ökonomische Aspekte langfristig berücksichtigt.

Drittens bewegen sich Menschen überwiegend im öffentlichen Straßenraum. Planungskonzepte zeigen, dass Wege zwischen wichtigen Punkten möglichst kurz sein sollten und nahe Aufenthaltsmöglichkeiten benötigen. Besonders ältere oder mobilitätseingeschränkte Menschen können nur begrenzte Strecken zurücklegen.

Das vorgeschlagene Konzept der „Klimahaine“ greift diese Erkenntnisse auf. In der Landshuter Alt- und Neustadt sollen in Abständen von etwa 100 Metern kleine, begrünte und kühlende Aufenthaltsorte entstehen. Bäume, Sträucher und andere Pflanzen schaffen dort klimatisch beruhigte Zonen, verbessern die Lebensqualität und fördern zugleich Biodiversität. In größerem Maßstab, etwa nach der 3-30-300-Regel, kann das Prinzip der Klimahaine auch in anderen Stadtteilen Anwendung finden. 


Vorschläge zur Umsetzung (ausführlich)

Für die Umsetzung des Konzepts der Klimahaine in der Stadt Landshut schlagen wir vor:

  • ein wissensbasiertes Ordnungsraster mit 100 m Achsmaß dient als planerische Orientierungshilfe für neue Klimahaine (Vorschlag 1);
  • bestimmte Bestandsorte wie Krenkl, Dreifaltigkeitsplatz, Regierungsplatz, etc. werden als klimaberuhigte Ankerpunkte ausgebaut (Vorschlag 2);
  • eine entsprechende Vernetzung bestehender und neuer klimaberuhigter Zonen im öffentlichen Stadtraum orientiert sich nach dem Ordnungsraster (Vorschlag 3).

Begründung der Vorschläge des Konzeptpapiers:

Wenn es in der steinernen Innenstadt keine Bäume gibt, wird es an sonnigen Tagen heiß, bleibt es heiß und wird es noch heißer. Begrünte Parks und Hinterhöfe bieten Linderung, doch halten sich Menschen nicht immer dort auf. Viel öfter bewegen sie sich im öffentlichen Platz- und Straßenraum.

Das Konzept der Klimahaine dient dazu, in diesen Räumen klimaberuhigte Orte anzubieten. Wie weit sollen diese Klimahaine voneinander entfernt sein, welche Strecke ist sinnvoll?

Es gibt verschiedene planerische Konzepte, die sich mit Wegstrecken zwischen städtischen Angeboten befassen. 

  • In Einkaufszentren sind die Abstände zwischen Ankerpunkten (d.h. den zwei größten Geschäften) 300 bis 400 Meter lang. Sitzgelegenheiten sollten hier alle 50 Meter angeboten werden. 
  • Das Konzept der „Last Mile“ deutet an, welche Distanz im Straßenraum zumutbar ist, wenn man mit dem ÖPNV in der Stadt ankommt und noch eine Wegstrecke bewältigen muss. 
  • Die 3-30-300-Regel besagt: „bis zur nächsten öffentlichen Grünfläche sollten es höchstens 300 m Wegstrecke sein“ (1). 
  • Da in Innenstädten in unseren Breiten eine geringe Baumdichte vorherrscht, wurde für München diese Regel angepasst. Auf einem Raster von 150 Metern Maschenweite sollen „kleine Inseln von Grün, die Schatten spenden“ (2) Schutz vor Hitze bieten.

Diese Konzepte gehen von einer erwachsenen und gesunden Fußgängerschaft aus. In einer vielfältigen Stadtgesellschaft ist sie jedoch nicht der ausschließliche Fall. Eltern mit kleinen Kindern, ältere Menschen und Personen, die Gehhilfen benötigen können in der selben Zeit nur kürzere Strecken bewältigen.

Das Konzept der Klimahaine soll dazu dienen, an ausgewählten Orten klimaberuhigte Zonen zu schaffen, die allen Menschen Linderung von urbanen Hitzegefahren bieten. Für die Stadt Landshut mit ihrem historischen Kontext und Maßstab schlagen wir einen Abstand von 100 Metern zwischen Klimahainen vor. 

Dies ist ein realistisches Maß, dass sich mit dem Potentialplan der Stadtverwaltung (3) sehr gut harmonieren und verbinden lässt. Damit wird die Bildung eines lokalen Klimahain-Netzwerks möglich. Das Konzept peilt ein wissensbasiertes „Gesamtwerk“ an, um einen „Flickenteppich“ an Einzelmaßnahmen zu vermeiden.

(1) Pauleit, S. (2024): Multifunktionale grün-blaue Infrastruktur für gesunde Städte im Klimawandel. In: Rundgespräche Forum Ökologie, 51, S. 44.

(2) ibid, S. 45.

(3) Stadt Landshut, Stadtrat (2025, Hrsg.): Konzeptionelle Machbarkeitsstudie Baumpflanzungen historische Altstadt. Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen (StRinnen Haas, Hagl, Borgmann, StRte Rabl, Gruber, Dr. Keyßner), Stadtratsvorlage Nr. 680 vom 27.05.2025. Der Potentialplan der Stadtverwaltung zeigt an, in welchen konkreten Lagen Baumpflanzungen möglich sind (wenn der Untergrund und dessen Belegung mit Infrastruktur dies zulassen). Grundsätzlich möglich ist das Aufstellen von mobilen Baumkübeln. 


Vorschläge zur Umsetzung (in Stichpunkten)

Für die Umsetzung des Konzepts der Klimahaine in der Stadt Landshut schlagen wir vor:

  • ein wissensbasiertes Ordnungsraster mit 100 m Achsmaß dient als planerische Orientierungshilfe für neue Klimahaine (Vorschlag 1);
  • bestimmte Bestandsorte wie Krenkl, Dreifaltigkeitsplatz, Regierungsplatz, etc. werden als klimaberuhigte Ankerpunkte ausgebaut (Vorschlag 2);
  • eine entsprechende Vernetzung bestehender und neuer klimaberuhigter Zonen im öffentlichen Stadtraum orientiert sich nach dem Ordnungsraster (Vorschlag 3).


Klimahaine für Landshut, Konzept Innenstadt (Plandarstellung)



Das komplette Konzeptpapier gibt es hier als pdf-Datei: Klimahaine für Landshut – Landshut aufbäumen! Klimahaine für die „steinerne Stadt“ – Ein Vorschlag der LBI

Comments

Popular posts from this blog

Weg zur Bavarität – sechster Teil

Rezensionen zu Bavarität 3/3

Katrina at 20 – Snapshots of the City