Das plumpe Tropaion

Manche Themen sind Evergreens. Man könnte meinen, sie kommen aus einem mythischen Land, womöglich Evergreenland, immer und immer wieder. So verhält es sich auch mit dem Interesse an Grönland. Ob man diese größte Insel der Welt nicht besitzen könnte? Oder die städtebauliche Entwicklung der Siedlungen an der Küste vorantreiben? Gar ein symbolisches Bauwerk dort errichten, das die Kühnheit und den Weitblick des Erbauers verkündet? Ganz egal, ob man sich an den lokalen kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen Kontext anpasst? Tja, da war doch was. Als ich mich mit der "Raumproduktion unter POTUS 45" befasste, rückten auch Inselbegierden in den Fokus. 2019 entstand der Text "Das plumpe Tropaion", der jedoch nie veröffentlicht wurde.

Seit Marx wissen wir, wie Geld die Produktion des Raums befeuert, und seit Schumpeter verstehen wir auch, wie Erfindergeist zu Disruptionen in eben diesem Raum beitragen kann. Insofern waren amerikanische Wähler innovativ, als sie Trump zum Präsidenten machten, um den Politikbetrieb in Washington aufzumischen. Dabei zielt Demokratie darauf ab, vorschnelle und unüberlegte Entscheidungen von Herrschenden zu verzögern oder gar zu vermeiden. Man kennt das zur Genüge aus der europäischen Geschichte, wo sich feudale Cousins eben mal den Krieg erklärten und dabei den Kontinent verwüsteten. Wobei Trump einen Informationskrieg um fragwürdige Immobilienprojekte zu führen scheint. Hierfür braucht es natürlich Land, und so kommt die Idee, einfach mal Grönland zu kaufen, gerade recht. Das Internet ist schnell, wenn es um die Produktion von Bildern geht. So überrascht es nicht, dass eine postfaktische Visualisierung eines trumpschen Baus auf Grönland die Runde macht, noch bevor die dänische Ministerpräsidentin den Kaufgelüsten eine Absage erteilt. Was sagt uns das Bild? Fake News-Moderne kollidiert mit Ökoidyll. Die in Narrengold gegossene Egomanie mit dem Signet des Spielcasinopleitiers ist einem Siegespfahl gleich in das Herz der grünen Insel gerammt. Der Namensgeber dementierte sogleich, in 280 Zeichen. Das alles verweist eher auf das Scheitern der Kommunikation im Zeitalter des Populismus. Über-neokolonialistisches Tropaion oder architektonischer Albtraum – stört uns die Begehrlichkeit oder die Schamlosigkeit ihrer Präsentation mehr? Wenn hinter dem Nebelschleier der Falschinformation ein wahrer strategischer Kern steckt, müssen wir aufpassen. Nachfolger könnten unter dem Radar der Subtilität ähnliche Begehrlichkeiten nach unverbrauchten Ressourcen wie Land und Luft so geschickt formulieren, dass wir es am Ende noch für sinnvoll erachten.


Das Bild wurde am 20. August 2019 auf Twitter (jetzt X) geteilt – von Trump selbst. Die Collage zeigt einen Trump-Tower inmitten einer grönländischen Siedlung, vergleichbar einem Tropaion. Statt aus Holz besteht der Pfahl aus Beton, Glas und irgendeinem vergoldeten Blech. Getreu einer von Recht und Gesetz ungehemmten Steinzeitmoderne lässt sich ein solcher goldener Turm überall in die Erde rammen. Der Goldene selbst kommentierte: „I promise not to do this to Greenland!“ Wer's glauben mag, denn in 2026 mussten wir uns wieder mit dem Thema befassen.

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